Unser Einfluss auf andere Menschen

Wir beeinflussen andere Menschen. Offensichtlich oder nicht?

Es mag auf der Hand liegen, und trotzdem scheint es uns nicht immer klar zu sein.
 
Wenn wir durch die Welt des Alltags marschieren, sehen wir in erster Linie eine Perspektive: Unsere eigene. Wir mögen andere Menschen wahrnehmen, aber meistens erstmal nur als Teil unserer Welt. Wir reagieren auf sie und ihren Einfluss auf uns, nur meistens ist danach erstmal gedanklich Schluss.
 
Rast beispielsweise im Straßenverkehr jemand in völlig überhöhter Geschwindigkeit an uns vorbei, reagieren wir genervt oder wütend: „Wie kann man denn nur so fahren?!“

Vielleicht schlagen wir noch auf die Hupe. Danach ist aber meistens Schluss. Woher der Raser kam, wieso er gerast ist, und wohin er eigentlich möchte – darüber haben wir nicht eine Sekunde nachgedacht.

Es stellt sich die Frage, ob das schlimm ist. Mag man beim Thema Geschwindigkeitsüberschreitung vielleicht eine klare Meinung haben und sofort „Nein“ denken, denn Rasen ist ja nie gerechtfertigt, wird es im Kontext anderer Situation schwerer:

  • Wenn ich einen Konflikt mit meinem Partner habe, ist es schlimm, wenn ich nicht über seine Bedürfnisse und Gefühle nachdenke?
  • Wenn mein Kind schreit und weint, ist es schlimm, wenn ich es ignoriere und weggehe?


Spätestens jetzt kommen sicher dem einen oder anderen Gedanken aus der Kindheit, von der Arbeit oder zuhause hoch, wo wir auf der Seite des Leidens waren:

Wo jemand uns nicht verstehen wollte; wo jemand nicht über uns nachgedacht hat; wo jemand über uns geurteilt hat oder einfach über uns „drüber getrampelt“ ist. Vielleicht hat uns jemand angeschrien oder schlichtweg ignoriert, obwohl wir geweint haben. Oder hat uns einfach nicht zugehört, weil derjenige partout nicht unsere Perspektive verstehen wollte. Im besten Fall tut sowas nur kurzzeitig weh, im schlimmsten Fall entwickeln sich Beziehungen, die uns nachhaltig traumatisieren.
 
Wir wissen also, wie schlimm es ist, wenn unser „Ich“ keine Bedeutung für jemand anderen hat.
 
Aber sind wir uns bewusst, dass unser „Ich“ das „Du“ vom anderen ist?

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Den Raser nicht verstehen zu wollen, ist vom Prinzip her eine vollkommen Ich-bezogene Perspektive. Wir weigern uns aus verschiedenen Gründen, seine Perspektive einzunehmen. Dieser Mangel an Perspektivenwechsel öffnet daher auch nicht allzu selten das altbekannte Fenster der Doppelmoral: Während der Raser ein Idiot ist, wenn er zu schnell fährt, fahre ich ja nur zu schnell, wenn es wirklich eilig ist und ich keine Wahl habe.
 
Wir neigen allzu oft dazu, die Welt nur durch unsere eigenen Augen zu sehen und wie andere uns beeinflussen, anstatt uns die Zeit zu nehmen, darüber zu reflektieren, wie wir andere beeinflussen.
 
Warum ist das so gefährlich?
 
Ganz einfach: Weil wir dann auf einmal auf der Seite der Medaille der Erfahrungen landen, die wir oben beschrieben haben. Je nach Situation und Ausmaß kann uns der mangelnde Blick für das „Du“ in eine narzisstische Sichtweise bewegen, die unserer Umwelt Schaden zufügt, ohne es zu bemerken. Dann nutzen wir unsere Macht für unsere eigenen Zwecke aus.
 
Wichtiges Stichwort an der Stelle an alle Selbstkritiker: Wir neigen gerne dazu uns einzureden, dass wir ja eh nicht von Bedeutung sind oder kaum Einfluss haben. Das mag sich für uns so anfühlen, entspricht aber keinesfalls der Realität. Mit meinen Gedanken, Gefühlen, Worten und meinem Verhalten beeinflusse ich zwangsläufig die Gedanken, Gefühle, Worte und das Verhalten anderer Menschen. Ich kann das zwar ausblenden, wenn ich will, aber an der Tatsache ändert es nichts:

Wir haben Macht über andere Menschen. Egal ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.


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Jetzt mag sich der eine oder andere (vor allem diejenigen von uns, die sich schon viel zu oft anderen angepasst haben) die Frage stellen: „Ja, aber soll ich mich denn jetzt immer nach den anderen richten und machen, was andere wollen?“

Das sind berechtigte Gedanken und die Antwort lautet natürlich nein. Das „Du“ zu beachten, heißt nicht, das „Ich“ zu vergessen. Die Kunst besteht darin, beide Seiten zu sehen und eben auch die Wechselwirkung unserer Beziehungen zu verstehen. 

  • Dein „Du“ ist das andere „Ich“.
  • Dein „Ich“ ist das andere „Du“.


Der Einfluss gilt in beide Richtungen. Beide Seiten haben Macht, und beide Seiten tragen die entsprechende Verantwortung. Bewusstsein für die unterschiedlichen Perspektiven zu schaffen und beide als wertvoll und wichtig zu erachten, ist das A & O.


Wenn ich es schaffe, meine eigene Perspektive mit allem drum und dran zu sehen, und auch die des anderen, und ich auf Beides Wert lege – dann bin ich in der Lage, wirklich erfüllende Beziehungen zu erleben. Denn der Blick für beide Seiten eröffnet die Möglichkeit, neue Herangehensweise und Wege zu finden, die für beide Seiten funktionieren. So kann ich Menschen ermutigen und ihnen Freude schenken, ich kann authentische Beziehungen führen, in denen sich beide Seiten sicher fühlen, und ich kann auch verdammt kreativ werden, wenn es um Konfliktlösungen geht. 

Es ist zu erwähnen, dass die andere Seite mitspielen muss – aber nicht selten spiegeln Menschen unser Verhalten, wenn wir erstmal damit anfangen.

In dem Sinne: Ich denke, mit dieser Einstellung können wir echte Win-Win-Situationen erschaffen, die es heutzutage viel zu wenig gibt. Deswegen ist die Reflektion über dieses Thema meiner Meinung nach mehr als wert, sich damit auseinanderzusetzen!

(Kleiner Tipp beim Thema Perspektivenwechsel: Fragen hilft. Grade wenn man wiederholt mit Menschen aneckt oder in Konflikte kommt, lohnt es sich nachzufragen, was die andere Person dazu denkt und empfindet. Nur allzu oft basieren Konflikte auf Missverständnissen, die einfach zu lösen sind, sobald beide Parteien beide Perspektiven verstehen.)