Empathie ist nicht automatisch Fürsorge

Wir gehen oft davon aus, dass andere Menschen die Welt ähnlich wahrnehmen wie wir selbst. Sind wir ein Mensch, der mit anderen Lebewesen mitfühlen kann, gehen wir instinktiv davon aus, dass andere Menschen das auch können. Wir hinterfragen es meist gar nicht, weil es für uns eben "normal" ist.

Geraten wir in eine Situation, in der ein uns nahstehender Mensch mit seinem Verhalten wehtut, haben wir meistens einen zunächst mal sehr gesunden Impuls: Wir wollen erklären, was uns wehgetan hat.

Warum tun wir das?

Wir tun das, weil wir die tiefe Überzeugung haben, dass es keine Absicht war. Weil wir uns nahstehenden Menschen nicht wehtun möchten, gehen wir instinktiv davon aus, dass sie dasselbe für uns wollen. Wenn sie uns also wehtun, gehen wir von Missverständnissen aus:

  • "Er versteht mich einfach nicht."
  • "Sie hatte ja keine böse Absicht."
  • "Wir müssen nur unsere gegenseitigen Sichtweisen besser erklären."


Wir suchen dann das Gespräch, um diesen Zustand des Missverständnisses oder fehlenden Verständnisses zu ändern. Manchmal funktioniert das auf Anhieb - und üblicherweise ist das entstandene Problem damit auch für immer beiseitigt. In solchen Fällen dürfen wir stark davon ausgehen, dass der verursachte Schmerz tatsächlich einfach nur durch mangelnde Kommunikation entstanden ist.

Doch nur zu oft befinden wir uns bei solchen Gesprächen schnell in sich immer wiederholenden Schleifen. Selbst wenn wir darüber gesprochen haben, tritt das Problem immer wieder auf. Vielleicht tarnt es sich auch in verschiedenen Formen und Ausprägungen und schleicht sich immer wieder in die zwischenmenschliche Beziehung ein. Diesen Zustand erleben wir emotional oft als starken Frust oder Wut:

  • "Ich weiß nicht, wie oft ich das noch erklären soll."
  • "Ich habe es doch wirklich schon 100 Mal gesagt."
  • "Was ist denn so schwer daran, das zu verstehen?"


Erreichen wir diesen Zustand, beginnen meistens die Alarmglocken zu klingeln - doch wir sind oft gut genug trainiert worden, diese zu ignorieren. Dabei melden sie sich aus gutem Grund. Denn wenn uns ein nahstehender Mensch mit seinem Verhalten wehtut, machen wir schnell zwei Fehler. Der erste Fehler:

Wir gehen davon aus, dass die Person genauso mit uns mitfühlt wie wir mit ihnen - und dass sie sich genauso um unser Wohlergehen sorgen wie wir um ihres.

Das mag ein simpler Fehler sein, aber auch einer mit einer sehr hohen Tragweite. Wir gehen von uns selbst aus, anstatt die andere Person so zu sehen, wie sie ist. Wir verschließen ein Stück weit die Augen vor der Realität, wenn wir uns in einem Muster der ständigen Erklärungen wiederfinden - egal ob bewusst oder unbewusst.

Wenn wir empathisch sind und wir uns in andere hineinversetzen können, dann erscheint es uns selbstverständlich, dass auch andere dazu in der Lage sind. Sie brauchen vielleicht nur etwas mehr Erklärungen oder Zeit. Oder wir haben uns einfach noch nicht gut genug ausgedrückt. Aber die Realität ist: Es gibt Menschen, die schlichtweg nur in geringem Maße empathiefähig sind.

Sie nehmen nicht intuitiv wahr, wie es anderen Menschen geht. Sie spüren die Emotionen anderer Menschen nicht. Und möglicherweise wissen sie nicht, wie es ist, sich in eine andere Person hineinzuversetzen.

Menschen, die diese Eigenschaften haben, sind keine schlechten Menschen. Sie agieren nur aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus, der für empathiefähige Menschen erstmal schwer zu begreifen ist. Und gerade hierbei lohnt es sich für die mitfühlenden Menschen, ihre eigene Eigenschaft zu nutzen: Indem wir den Menschen sehen, wie er ist - egal ob uns das gefällt oder nicht.

Aber nehmen wir mal an, dass wir es tatsächlich mit einem empathiefähigen Menschen zu tun haben (was tendenziell öfters der Fall ist, da vermutlich der Großteil der Menschen empathiefähig ist). Auch hier steht eine kleine Falle bereit, in die wir schnell hineintappen. Der zweite Fehler ist: Wir denken, dass Empathie gleich Fürsorge ist.

In unserem Kopf klingt es logisch: Wir verstehen, wie sich ein anderer Mensch fühlt, und fühlt er sich schlecht, haben wir den Impuls, ihm helfen zu wollen. Genauso wie viele Menschen beim Anblick eines verletzten Tieres den Impuls haben, ihm zu helfen.

Was sich für uns wie eine Sache anfühlt, sind in Wahrheit zwei. Es ist die Kombination einer Fähigkeit (Empathie) gepaart mit einer Intention (Fürsorge). Und auch wenn sie für viele von uns eng verbunden sind, müssen sie das nicht sein.

Es gibt Menschen, die sehr wohl empathiefähig sind, aber schlichtweg kein Interesse daran haben, in irgendeiner Form fürsorglich, unterstützend oder zugeneigt zu handeln. Vielleicht generell anderen Menschen gegenüber, oder nur speziell gegenüber uns. Sie können Schmerz anderer verstehen - und im selben Zug tolerieren. Sie reagieren nicht auf emotionalen Schmerz beim anderen, und schon gar nicht ändern sie ihr Verhalten. Weil sie es schlichtweg nicht wollen oder es ihr Zustand nicht erlaubt. Die Fähigkeit ist also da. Aber die Intention nicht.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Und auch an dieser Stelle hat es nichts damit zu tun, dass Menschen mit diesen Eigenschaften "schlechter" wären. Manchmal sind es tatsächlich nur temporäre Zustände, aus die ein Mensch wieder herausfinden kann. Manchmal sind sie auch dauerhaft. So oder so hat es üblicherweise damit zu tun, dass Menschen mit diesen Eigenschaften innerlich von Angst oder Leere getrieben sind - wenn auch sehr tief vergraben. Sie haben das Gefühl oder befinden sich in einer tatsächlichen Situation, in der es "nicht genug" gibt - nicht genug Raum, Ressourcen, Sicherheit, Verständnis oder Kontrolle. Dadurch wird ihr Fokus egoistischer. Oft eben nicht aus Ignoranz, sondern aus Überlebenswillen, Verzerrung oder Schutz.

Es ist also auf einer gewissen Ebene durchaus nachvollziehbar - vor allem, wenn wir selbst empathisch sind und uns in die Lage des anderen hineinversetzen können. Doch auch wenn wir Verständnis dafür haben können und dürfen: Es ändert nichts daran, dass die fehlende Intention der gesunden Fürsorge sowohl den anderen Menschen schädigt als auch die Verbindung in sich.

Es ist nicht möglich, eine gesunde Verbindung zu einem Gegenüber aufzubauen oder zu haben, wenn dieser keine echte Fürsorge für unser Wohlbefinden empfindet. Wir können noch so viel Arbeit, Zeit und Verständnis aufbringen - eine zwischenmenschliche Beziehung funktioniert nur, wenn von beiden Seiten Interesse am Wohlergehen des anderen besteht. Ansonsten bleibt es eine Einbahnstraße, deren Investitionen sich leider selten lohnen. Und wo wir mehr verlieren, als wir vielleicht zunächst wahrhaben wollen.

So unbequem die Realität auch sein mag: Je eher wir sie akzeptieren, desto eher können wir einen Umgang damit finden, der für uns funktioniert. Das kann einen einfachen Rückzug oder auch eine Trennung bedeuten. Wir müssen solche Entscheidungen nicht in Übereile fällen. Wir tun uns allerdings selbst einen Gefallen, uns mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen und aufzuhören, aus unserer eigenen Illusion heraus zu handeln.

In der Situation selbst erkennen wir diese Muster oft nur schwer, weil wir direkte Teilnehmer des Geschehens sind. Deswegen ist es hilfreich, bestimmte Warnsignale im Kopf zu behalten - nicht als Entscheidungsgeber, sondern als Hinweise, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken können:

  • Wir reden und erklären uns regelrecht "tot".
  • Wir erleben das gleiche Problem zirkulär in unterschiedlichen Formen immer wieder.
  • Wir hoffen konstant, dass unsere Botschaft irgendwann endlich beim anderen "ankommt".
  • Wir haben das Gefühl, unser Gegenüber ist zu "dumm", um etwas zu verstehen.
  • Wir haben das Gefühl, mehr zu investieren oder zu viel zu geben.


Wir sollten vor allem besonders dann wachsam werden, wenn wir kein anderes Verhalten von dem jeweiligen Gegenüber gewohnt sind. Denn dann spricht es für einen konstanten Charakterzug.

Sollten wir normal ein anderes Verhalten von unserem Gegenüber gewohnt sein, kann es hilfreich sein, die Situation genauer zu durchleuchten. Hier kann extremer Stress oder eine gekippte Dynamik eine Rolle spielen. Die Chancen stehen hier höher, wieder ein gesundes Gleichgewicht herzustellen - es ist aber auch keine Garantie. Die Hoffnung sollte nicht allen Schmerz tolerierbar machen.

Es kann unglaublich entlastend sein, klar zu sehen, was ist, selbst, wenn es anfangs schmerzhaft ist. Sind wir in einer solchen Situation, dürfen wir es als Appell vom Leben sehen, unseren Blick zu schärfen: Für uns, unsere Bedürfnisse, unser Umfeld und andere Menschen. Denn klare Blick bringt uns aus dem Zustand des ständigen Erklärens, Hoffens und Investierens. Wir lösen uns von einer Vorstellung, die vielleicht nie Realität war oder nicht mehr Realität ist. 

Und damit erlauben wir uns die Möglichkeit für neue Erfahrungen, die dem entsprechen, was wir wirklich erleben wollen.