Entweder, oder! Oder?

Oft befinden wir uns in Situationen, die uns dazu auffordern, Entscheidungen zu treffen. Egal ob es um eine Handlung, eine Absicht oder eine Meinung geht: Wir landen schnell in einer Position, in der wir dazu aufgefordert werden, uns für "eins" zu entscheiden. Entweder X, oder Y - beides geht nicht.
 
Diese Form der Entscheidungsfindung, oder vielmehr Argumentationstechnik, kennen wir schon aus Schulzeiten. Sollen wir beispielsweise zu einem Thema Stellung beziehen, haben wir gelernt, sorgfältig Pro und Kontra aufzulisten, um uns danach zu entscheiden: Entweder X, oder Y.

So logisch wie es sich anfühlen mag, so wird diese Art der Vorgehensweise der Realität nicht mal ansatzweise gerecht. Was sich hier nach einem klaren Standpunkt oder einer klaren Entscheidung anfühlt, ist prinzipiell nichts anderes als der Versuch, das Leben in Schwarz und Weiß zu unterteilen - egal wie viele Grauzonen dazwischen liegen, und egal wir sehr wir beiden Varianten etwas abgewinnen können. Allzu oft fühlen fühlen wir uns dann hin- und hergerissen, zwischen dem einen Extrem und dem anderen. Arbeiten wir viel, und vernachlässigen wir unser Privatleben? Oder fokussieren wir uns auf das Privatleben, und lassen die Arbeit schleifen? Entweder, oder?

Der traurige Witz daran ist: Je mehr wir in einem "Entweder, oder"-Denken stecken, desto unglücklicher werden wir, egal welche Entscheidung oder Meinung wir vertreten. Denn egal was wir machen, es hat den Charakter des Zwangs und der Opferung. Wer mag das schon? Und wer kann sich frei von Zweifeln oder Schuldgefühlen sprechen, wenn sich die Erinnerungen an die Vergangenheit oder die Überlegungen an die weitere Zukunft regen?

Vielleicht versuchen wir auch, einen Kompromiss zu schaffen. Ein Mittelweg zwischen beidem. Aber auch das tut oft - weh. Denn jetzt verteilen wir den Zwang und die Aufopferung einfach nur auf beiden Seiten. Ist es erträglicher? Ja. Löst es das eigentliche Problem? Nein.

Der Lösung kommen wir näher, wenn wir uns ein Musikinstrument vorstellen. Nehmen wir ein Klavier: Wir haben links die tiefen Töne, rechts die hohen. Je weiter nach links wir spielen, desto tiefer werden die Töne, und umgekehrt genauso. Wenn wir nun ein Lied spielen möchten, hilft es nichts, uns für links oder für rechts zu entscheiden. Genauso wenig hilft es, konstant in der Mitte auf die Tasten draufzuhauen.

Was wir brauchen, ist die Agilität und die Fähigkeit, auf beiden Seiten zu spielen: Die gesamte Klaviatur zu bedienen. Vom tiefsten bis zum höchsten Ton. Beide Extremen zu erfassen, beide zu integrieren, und passend nach Rhythmus und Takt zu spielen. Daraus wird ein Lied, was uns bewegt. Und so ist es auch im Leben.

Wenn Du Dich das nächste Mal in einer "Entweder, oder"-Situation befindest, nutze die Möglichkeit, die Extremen zu ergründen. Werde Dir bewusst, was beide Extremen für Dich innehalten, oder warum Dich beide reizen. Verstehe, inwiefern die Extremen situativ bedingt sind - wie viel und wann und was Du davon brauchst und möchtest.

Wie würdest Du denken, wie würdest Du Dich fühlen, und was würdest Du tun, wenn Du Platz für beides in Deinem Leben hast?

Um das Beispiel Privatleben und Arbeit aufzugreifen, gebe ich Dir ein paar Beispiele. 

  • Kann die Freizeit Fokus sein und trotzdem weniger Zeit einnehmen, da sie zum Beispiel unfassbar starke, einflussreiche Erinnerungen mit sich bringt (z.B. Fallschirmspringen)?
  • Kannst Du Deine Karriere auch in Teilzeit vorantreiben - zum Beispiel, weil Du effizientere Wege findest, die Arbeit zu erledigen?
  • Hast Du einen Berufszweig, der Dir erlaubt, beispielsweise Freunde oder Familie in Deine Arbeit einzubinden?
  • Gibt es Teile in Deinem Privatleben, die Dir wenig Freude bringen und die Du entlastender gestalten könntest, sodass Du mehr von den Erfahrungen machst, die Du suchst (z.B. durch eine Putzhilfe)?
  • Ergibt sich der Zwiespalt von Privatleben und Beruf vielleicht durch einen nicht mehr passenden Job oder eine nicht mehr passende Partnerschaft?
  • Und Vieles mehr...


Die Antworten liegen immer in Deiner individuellen Situation und natürlich auch in Deiner individuellen Persönlichkeit. 

Am Ende bist Du die Person, die Dich am besten kennt und die meisten Antworten hat. In dem Sinne möchte ich Dich dazu ermutigen: Wenn Du das nächste Mal in einer "Entweder, oder"-Situation bist, hinterfrage, ob es wirklich so eine Situation sein muss.

Denn nur zu oft tut sich ein dritter Weg auf, wenn wir beide Extremen verstehen und auf beiden spielen: Wie auf einem Klavier.