Heilung statt Anpassung

Wenn wir im Leben Erfahrungen machen, die uns schmerzen, greifen wir Menschen gerne auf eine bewährte Überlebensstrategie zurück. Und diese heißt selten Rückzug oder Widerstand - sondern Anpassung. Das macht auch Sinn: Werfen wir einen Blick in die Tierwelt, sehen wir die gleichen Muster: Tiere, die sich an verschiedene Witterungsbedingungen und Umstände anpassen können, sind überlebensfähiger. Und setzen sich langfristig mehr durch.

Auch wenn wir Menschen mit unserem Bewusstsein einen Teil in uns tragen, der uns deutlich von der Tierwelt unterscheidet, liegen diese Mechanismen dennoch sehr nahe. Sie gehören zu unseren Instinkten.

Was uns allerdings kurzfristig das Überleben retten kann; kann uns langfristig schaden.

Anpassungsfähigkeit ist als Werkzeug zu verstehen – ein Werkzeug, das es uns ermöglicht, von uns selbst, unserer inneren Wahrheit, unserem Verhalten oder unserer Identität abzurücken, wenn die Umstände es erfordern. Das ist hilfreich und sinnvoll - solange wir das Werkzeug beherrschen, und nicht das Werkzeug uns.

Passen wir uns zu lange oder zu häufig an, verlieren wir den Kontakt mit uns selbst. Was zunächst trivial klingt, kann in unserem Alltag weitreichende Folgen haben.  Wer den Kontakt zu sich selbst verliert, weiß nicht mehr, was er eigentlich braucht oder möchte. Es ist, als würde ein Mensch auf hoher See steuern – ohne Kompass und ohne zu wissen, wie man ein Schiff lenkt.

Mit sich selbst nicht in Kontakt zu stehen, ist kein spirituell daher gesagter Satz. Es kann dazu führen, dass wir ein Leben führen, was nicht uns gehört. Dass wir unsere wahren Talente nicht erkennen, nicht die Hobbies finden, die uns erfüllen, keine Partnerschaft leben, die wirklich zu uns passt - diese Liste lässt sich lang fortführen. Am Ende des Tages bedeutet es: Es kann dazu führen, dass für uns die Freude am Leben langsam verblasst.

Das Gefährliche an der Anpassung ist, dass sie oft unbemerkt und schleichend kommt. Erst reagieren wir aus Überlebensinstinkt - und dann geht es in die Normalität über. Wir verändern uns, manchmal kaum merklich, um mit dem zu leben, was uns eigentlich nicht gut tut. Wir bekommen das trügerische Gefühl, dass alles in Ordnung ist – obwohl es das nicht ist.

Hinzu kommt: Wir vergessen oder verdrängen oft, was uns eigentlich verletzt hat.

Wir leben noch immer in einer Welt, in der viele glauben, nur ein „echtes“ Trauma prägt – und das sei etwas Großes, Dramatisches, etwas, das das ganze Leben sprengt.  Doch schmerzhafte Erfahrungen, die uns zur Anpassung zwingen, sind nicht immer laut. Sondern leise. Zum Beispiel Dinge, die gefehlt haben. Die wir nicht kannten – und deshalb auch nicht vermissen konnten.  Oder kleine Erfahrungen, die für sich genommen harmlos gewesen wären – aber durch ständige Wiederholung immer tiefer Spuren hinterlassen haben.

Weil solche Dinge für uns keinen Namen haben, sprechen wir selten darüber. Sie erscheinen uns „normal“, nicht der Rede wert. Und genau das macht es so schwer, sie als das zu erkennen, was sie sind: Schmerz, der geblieben ist – obwohl wir dachten, wir hätten ihn längst hinter uns gelassen.

Die Gesellschaft, in der wir leben, tut uns an der Stelle auch selten einen Gefallen: Stärke wird gerne mit Kontrolle verwechselt und Sensibilität mit Schwäche. Bewältigungsstrategien gelten als Erfolg – manchmal sogar so sehr, dass wir für unsere „tolle Persönlichkeit“ bewundert werden. Heilung taucht als Möglichkeit kaum auf. Es erscheint zu schmerzhaft, zu unbequem. Und so landen wir in einem Denken, das uns dazu ermutigt, uns selbst zu optimieren – aber nicht, uns selbst wirklich zu begegnen. Oder anders gesagt: Anpassung wird als attraktiver als Heilung dargestellt.

Als ob das nicht schon genug wäre, gibt es noch einen weiteren, entscheidenden Nebeneffekt unserer Anpassung:

Wir verlieren nicht nur den Kontakt zu uns selbst. Wir sorgen auch aktiv dafür, dass es so bleibt. Dadurch, dass wir uns den äußeren Umständen anpassen, sorgen wir dafür, dass sie sich nicht ändern. Wir werden selbst zum Teil des Problems. Obwohl wir es nicht wollen, bestärken wir genau das, was uns eigentlich geschadet hat.

Haben wir diesen Teil gedanklich durchgespielt, landen wir vermutlich bei einer entscheidenden Frage.

Wie könnte ein Weg da heraus aussehen?

Wie finde ich Heilung - statt Anpassung?

Wie bei so vielem gilt: Der gesunde Weg beginnt nicht mit einem radikalen Umbruch, sondern mit einem ersten Schritt. Und das ist in dem Fall der Blick nach innen. Die Bereitschaft, sich selbst gegenüber offen und ehrlich zu sein. Uns zuzuhören und uns so zu sehen, wie wir sind.

In praktischen Schritten können wir Folgendes tun:

1. Aufschreiben, was uns geschmerzt hat.  Es muss nichts Großes oder Dramatisches sein. Oft ist das, was uns als Erstes in den Sinn kommt – egal wie klein es wirkt – genau das, was am tiefsten sitzt.

2. Aufschreiben, welche Bedeutung wir diesen Erfahrungen gegeben haben.Was haben wir daraus "gelernt"? Wie haben wir die Situation interpretiert? Welche Schlussfolgerungen haben wir über uns selbst gezogen? Vermutlich, dass wir "zu ..." waren. Und dass wir das ändern sollten.

3. Aufschreiben, was wir verändert haben. Was war unsere Reaktion auf das Erlebte? Sind wir leiser geworden? Kontrollierter? Verschlossener? Was hat sich emotional geändert, was in unserem Verhalten?

4. Jetzt wird es spannend: Wir schauen uns an, was wir im dritten Schritt notiert haben – und fragen uns ehrlich: Sind wir so? Fühlt sich das richtig an? Wollen wir so sein? Können wir hinter dem stehen, was dort steht?

Wenn die Antwort „Nein“ lautet, dann leben wir wahrscheinlich eine Anpassungsstrategie, die nicht unserem wahren Kern entspricht. Und hier tun wir uns selbst einen Gefallen, zu hinterfragen, ob wir das so weiterführen möchten. Ob wir uns auf Kosten der Umstände anpassen wollen – oder ob wir uns eine Umgebung schaffen möchten, in der wir wirklich wir selbst sein können.

Dafür braucht es drei Dinge:
Bewusstsein, um uns so zu sehen, wie wir sind.
Mut, sich dem Schmerz und der Angst zu stellen.
Und Bereitschaft, alte Muster und Überzeugungen loszulassen.

Das ist etwas, was nicht von heute auf morgen passiert - und das muss es auch gar nicht.

Es ist vielmehr als ein beständiger Prozess zu verstehen. Das Leben ist in einer ständigen Veränderung. Es werden immer Situationen aufkommen, die uns in die Lage bringen, uns anpassen zu müssen. Die Frage ist nur: Bleibt es bei einer kurzfristigen, notwendigen Reaktion - oder ziehen wir die Folgen unser ganzes Leben lang mit?

Bei diesem Prozess geht es nicht darum, etwas abzuarbeiten.
Es geht auch nicht darum, etwas in uns "zu reparieren".

Es geht darum, sich selbst ein guter Begleiter im Leben zu sein. Man kann es sich vorstellen, wie eine innere Stimme, mit der man regelmäßig im Kontakt bleibt. Als eine Offenheit, uns zu sehen, wie wir sind - und für uns selbst einzustehen.

Es ist ein Weg, bei dem wir uns immer wieder neu entscheiden, bei uns selbst zu bleiben.
Auch wenn es unbequem ist. 

Und vielleicht ist genau das der Beitrag, den wir dieser Welt schenken können: Dass wir lernen, uns selbst wirklich zu sehen. Damit wir nicht weitergeben, was uns verletzt hat. Sondern etwas Neues entstehen lassen – in uns, durch uns, für andere.