Ich sehe was, was du nicht siehst
Der eine oder andere kennt bestimmt das Johari-Fenster – vielleicht nicht unter diesem Begriff, aber die Bedeutung ist ihnen geläufig.
Das Johari-Fenster teilt Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale danach ein, ob sie jeweils uns selbst und / oder unserer Umwelt bewusst sind oder eben nicht. Daraus ergeben sich vier Gruppierungen genau dieser Merkmale:
- Dinge, die wir über uns sehen und die andere über uns sehen
- Dinge, die wir über uns sehen, aber andere nicht
- Dinge, die wir selbst nicht über uns sehen, aber andere schon
- Dinge, die wir selbst nicht über uns sehen und die andere auch nicht sehen
Die Logik ist nachvollziehbar und sie macht Sinn. Sie schafft Bewusstsein darüber, dass unsere Wahrnehmung sowie die Wahrnehmung anderer Menschen nicht vollumfänglich ist. Mit dieser Information können wir viel anfangen. Sie schärft nicht nur unseren Blick für unsere eigene Perspektive, sondern auch die für andere Menschen. So können wir uns selbst besser kennenlernen, neue Seiten in uns entdecken und unsere Interaktionen mit anderen Menschen konstruktiver gestalten.
Voraussetzung ist natürlich, dass wir offen sind, die Perspektiven von anderen Menschen über uns zu hören – denn wie wir in den Gruppierungen oben sehen, sind wir an manchen Stellen „blind“, was uns selbst betrifft. Können andere Menschen etwas in uns sehen, was wir selbst nicht sehen, bietet dies das Potential, dass wir hier „das Sehen lernen“. So rücken immer mehr Dinge aus der dritten Gruppierung in die erste. Genauso können wir Dinge aus der zweiten Gruppierung in die erste rücken, wenn wir offener mit anderen Menschen umgehen möchten.
Im Prinzip ist das nichts Neues, aber das macht es nicht weniger wertvoll.
Doch selbst mit dieser Herangehensweise – Austausch und Perspektivwechsel – kommen wir irgendwann an unsere Grenzen. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass es eine Gruppierung gibt, die sich nicht nur unserer eigenen Wahrnehmung, sondern auch der anderer Menschen entzieht: Wir sehen sie nicht, und andere auch nicht. Es ist eine Black Box. Es ist unsichtbar. Und trotzdem ist es da.
Was machen wir mit dieser Information?
Im ersten Schritt können wir uns natürlich erstmal in Bescheidenheit üben und akzeptieren, dass wir wahrscheinlich niemals alles über uns bewusst wahrnehmen können. Allein das zu wissen, holt einen manchmal auf den Boden der Tatsachen zurück, und das ist auch gut so.
Bescheidenheit wirkt gut gegen übermäßigen Ehrgeiz, aber unsere Neugierde bleibt (glücklicherweise!) trotzdem bestehen. Irgendwie fragt man sich ja doch irgendwann, was da noch in einem schlummert.
Hier kommt die astrologische Psychologie ins Spiel. Sie ist im Prinzip nichts anderes als andere Persönlichkeitsmodelle wie MBTI, Enneagramm oder die Big Five, außer dass sie als Basis ihrer Einordnungen und Deutungen externe Faktoren (Gestirns-Konstellationen) zur Hand nimmt. Die Ursprünge der westlichen Astrologie reichen bis ins alte Ägypten zurück; ähnlich weit zurück liegen die Ursprünge astrologischer Richtungen anderer Kulturkreise.
Ob Gestirns-Konstellationen Einfluss auf unsere Persönlichkeit haben, ist selbstverständlich eine Glaubensfrage, weshalb die Astrologie auch selten als Wissenschaft anerkannt wird. Möchte man diesem grundsätzlichen Zusammenhang jedoch Glauben schenken, wird man feststellen, dass die astrologische Psychologie den Menschen weitaus mehr in seiner Komplexität erfasst als beispielsweise die oben genannten Persönlichkeitsmodelle – und dass sie einer ganz klaren Logik folgt.
Der Astrologie liegen physikalische Fakten zugrunde, und zwar die Konstellation der größeren Gestirne in unserem Universum. Hier gibt es nichts hin und her zu schieben – ein Geburtshoroskop wird berechnet, und damit steht es. Auch die Interpretation ist entgegen weitläufigen Meinungen an einer klaren Logik gekoppelt. Wer sich wirklich im Detail damit auseinandersetzt, wird feststellen, dass es erstaunlich wenig Spielraum für die subjektive Meinung gibt. Auftretende Interpretationsunterschiede ergeben sich meistens aus unterschiedlichen Kenntnisständen oder subjektiven Filtern – wovon wir in der Psychologie eben so wenig frei von sind.
Die Logik ist also klar; und wie sieht es aus mit dem berühmten Klischee des Schubladen-Denkens?
„Meine Freundin ist auch Waage, aber ich bin ganz anders!“
Der Grund, wieso wir überhaupt ein Schubladen-Denken bei der Astrologie vermuten, liegt darin begründet, dass nur zu gern in Zeitschriften oder Medien oberflächliche Informationen verteilt werden, die den Sachverhalt falsch wiedergeben. Astrologie lässt sich leider nicht vereinfachen, denn damit wird das grundlegende Konzept – die Betrachtung des Menschen in seiner Komplexität – zerstört.
Es mag für den einen oder anderen überraschend sein: Wir sind alle an irgendeiner Stelle „Sternzeichen Waage“. Die Frage ist nur wo und wie intensiv sie zum Vorschein kommt.
Was wir geläufig als Sternzeichen benennen, ist lediglich das Sternzeichen, in dem (von der Erde aus gesehen) die Sonne steht. In der Astrologie spielt allerdings nicht nur die Sonne eine Rolle, sondern auch der Mond, der Saturn und alle anderen geläufigen Planeten, die wir schon aus Kinderbüchern kennen. Manchmal stehen mehrere Planeten im gleichen Sternzeichen, manchmal einzelne. Manchmal bleiben Sternzeichen leer; und selbst diese werden in der Interpretation berücksichtigt.
Wir schauen uns bei jedem Menschen ein Dutzend Lebensbereiche und nahezu ein Dutzend Gestirne an; daraus ergeben sich bereits über 20 verschiedene „Eigenschaften“. Wenn wir damit fertig sind, schauen wir uns die Verhältnisse dieser Eigenschaften an – vertragen sie sich oder nicht, passen sie zusammen oder nicht. Ein Geburtshoroskop wird damit so komplex, dass man es kaum in einer halben Stunde „mal eben so“ erklären könnte.
Wer Schubladen-Denken mag, ist also bei der Astrologie ganz falsch.
Doch spannen wir den Bogen wieder zurück zum Johari-Fenster. Du erinnerst Dich, dass es eine Gruppierung gab, die weder wir selbst noch andere in uns sehen können. Und wir sprachen über die Neugierde, davon trotzdem etwas kennenzulernen wollen.
Was wäre da also ein geeigneteres Mittel als ein Persönlichkeits-Modell, was sich eben nicht an unserer primären Wahrnehmung orientiert, sondern an externen, physikalischen Faktoren?
Die astrologische Psychologie berücksichtigt nicht, was wir sehen wollen oder was nicht. Die Beobachtungen liegen Erfahrungen von Jahrhunderten zugrunde. Und die Basis – die Konstellation des Universums – ist fix und daran lässt sich nichts rütteln.
Eine passendere Einladung, diese Gruppe des Johari-Fensters zu erkunden, gibt es eigentlich nicht.
Und das ist das, was die astrologische Psychologie so besonders macht: Man bekommt Einblicke über sich selbst, die man auf anderen Wegen kaum finden kann. Sie erweitert unser Bewusstsein und lässt zu, dass wir mehr sehen als vorher.
Für jeden Menschen, der gerne bewusst lebt und dazu lernen möchte, ist das ein Traum.
Und auch für Kritiker findet sich ein Platz: Denn am Ende schreibt dir niemand vor, wie du zu sein hast und was du tun sollst. Das eigene Geburtshoroskop zu verstehen, eröffnet uns Möglichkeiten – an welche wir glauben oder welche wir ergreifen, ist stets uns selbst überlassen.