Selbsterkenntnis ist kein Selbstoptimierungsprojekt 

Selbsterkenntnis und Selbstoptimierung werden oft miteinander verknüpft. Das sehen wir vor allem in der digitalen Welt, der heutzutage kaum noch auszuweichen ist. Gerade in Zeiten von Social Media bekommen wir ständig zu sehen, was wir tun sollten: Wie wir funktionieren, wie wir uns verhalten, welche Dynamiken wir „korrigieren“ sollten. Der Übergang von "so bist du / verhältst du dich" zu "so wäre es besser" ist beinahe nahtlos. Ein paar Beispiele:

  • Informieren wir uns über unsere Ernährung, bekommen wir meistens direkt gespiegelt, was falsch daran ist und was wir besser machen sollten. 
  • Lesen wir etwas über Bindungsstile, bekommen wir meistens direkt die Antwort, was am jeweiligen Bindungsstil schlecht ist und was wir lernen sollten. 
  • Erörtern wir die Möglichkeiten, wie wir produktiver sein könnten, bekommen wir direkt die Botschaft mit, dass wir das auf jeden Fall tun sollten.


An sich ist daran nichts verkehrt. Denn oft ist hilfreich zu wissen, was die Optionen sind - vor allem solche, die für uns gesünder sind und die uns langfristig gut tun.

Allerdings ist die Grenze zwischen einer angeboteten Möglichkeit und einem unterbewussten Erwartung oft gar nicht so leicht zu trennen. Denn allzu schnell bekommen wir die Botschaft vermittelt: "Jetzt, wo du es weißt, solltest du auch handeln." Und das ist keine Möglichkeit - sondern eine Erwartung.

Erwartungshaltungen können schaden, und zwar auf hohem Niveau: Sie können nicht nur unnötig Druck auslösen und dafür sorgen, dass wir das Gefühl haben, etwas leisten zu müssen. Sie können auch schlicht und ergreifend falsch für uns sein. Denn nicht jeder Ratschlag, den wir hören oder lesen, passt für uns. Aber fast noch schlimmer: Erwartungshaltungen stehen auch im Wege einer gesunden Selbstakzeptanz. Sie kann diese untergraben und uns abhängig machen davon, nur unter bestimmten Bedingungen freundlich zu uns selbst zu sein. Oder uns glauben lassen, wir müssen jeden Ratschlag annehmen, den wir irgendwo aufnehmen. Wer sich permanent misst und korrigiert, vergisst leicht, sich selbst sein bester Freund zu sein - und das verdient jeder von uns.

Diese Dynamik kann übrigens nicht nur aktiv durch Botschaften anderer Menschen ausgelöst werden. Es kann auch sein, dass wir bei mangelnder Selbstakzeptanz genau diese Dinge auf alles projizieren, was wir lesen und hören. Hierbei geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern vielmehr darum klarzumachen, dass diese Falle überall besteht. Doch die gute Nachricht folgt zugleich: So allgegenwärtig wie das Problem ist, ist auch die Lösung dafür. Und zwar:

Einmal innehalten zwischen Wahrnehmen und Handeln.

Sobald du etwas über dich selbst erkennst oder lernst, erlaube dir, genau das erstmal so sein zu lassen, wie es ist.

  • Deine Ernährung versorgt dich nicht mit genug Nährstoffen? Prima, du hast die Erkenntnis gewonnen. Das ist der erste wichtige Schritt. Vielleicht willst du erstmal in Ruhe überlegen, was für Wege es geben könnte, was daran zu ändern - alleine, zusammen, oder vielleicht direkt mit einem Kochkurs integriert, sodass du direkt was Neues dazu lernst.
  • Dein Bindungsstil hält dich von gesunden Beziehungen ab? Wunderbar - du weißt jetzt, wie du innerlich tickst. Vielleicht möchtest du das erstmal besser kennenlernen, bevor du daran arbeitest. Und ein bisschen Spaß haben, zu verstehen, wie irrational wir Menschen uns manchmal verhalten können.
  • Du realisierst, dass du Zeit verschwendest, die du sinnvoller nutzen könntest? Ideal. Vielleicht nimmst du dir einen Moment Zeit, um mögliche Reue über verlorene Möglichkeiten zu spüren. Und lässt deine Vorstellungskraft spielen, was dir langfristig wirklich Freude bereiten würde und in welchem Rahmen sich Produktivität wirklich gut anfühlt.


All diese Beispiele haben eins gemeinsam: Es geht nicht um zwanghafte Selbstoptimierung. Es geht auch nicht darum, etwas in sich zu zerstören, zu verdrängen oder zu vernichten. Es geht darum, es erstmal anzunehmen. Es für das zu sehen, was es ist. Zu sagen: "Okay, es ist vielleicht nicht schön oder das was ich möchte - aber das ist es grade."

Du darfst dir erlauben, dich in diesen Zustand einzufinden und erstmal da zu bleiben - gerne auch mit Freude über deine Erkenntnisse, bevor du überlegst, wie du weitermachst. Es ist quasi ein Akt der Freundlichkeit uns selbst gegenüber: Ein bewusstes Innehalten, ein Sehen, ein Verstehen - so ziemlich genau das, was wir uns oft auch von anderen Menschen wünschen. 

Während Selbstoptimierung oft dem Drang folgt, Erwartungen gerecht zu werden, ist Selbsterkenntnis eher wie das Öffnen eines Vorhangs zu einer Landschaft: Du siehst, was da ist, welche Wege möglich sind, welche Richtung du einschlagen könntest. Sie dient nicht dazu, sofort Entscheidungen zu erzwingen.


Das Geschenk der Selbsterkenntnis ist Freiheit:

  • Was du damit machst, darfst du selbst bewusst wählen.
  • Was richtig für dich ist, darfst du selbst definieren.  
  • Du darfst dir dabei Zeit nehmen. 
  • Du darfst Nein zu Ratschlägen sagen, wenn sie nicht passen, egal wie vernünftig klingen. 
  • Und du darfst auch deine Meinung ändern, wenn sich deine Sichtweise ändert.


Wir Menschen sind individuell, und Zeiten sind unterschiedlich: Was zu dem einen passt, muss nicht zu dir passen. Und was vor zwei Jahren nicht zu dir gepasst hat, darf vielleicht heute zu dir passen.

Sein Leben gesünder, erfüllender, authentischer zu gestalten, ist ein menschliches Bedürfnis - und es birgt viel Potential. Entscheidend ist, dass wir es aus Freiheit und Selbstbestimmung tun, für das, was uns wirklich Freude bereitet. Dann wird es zu einer bewussten Entscheidung, die uns genau dorthin bringt, wo wir hinmöchten. 

In diesem Sinne: Überleg dir gerne, was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst - und was für dich nicht hilfreich ist, darfst du ignorieren. :-)