"Ich sollte" - 
einer der schwierigsten Glaubenssätze

Das Problem
Wer kennt es nicht – die innere Stimme im Kopf, die sagt, „ich sollte jetzt eigentlich“ oder „das sollte ich jetzt nicht tun“? 

Das Wort „Sollen“ spielt eine besondere Rolle für uns Menschen, meist eine deutlich größere, als wir es zunächst vermuten. Ich wage sogar zu behaupten, dass insbesondere wir Deutschen, die in Regeln geradezu vernarrt sind, eine besondere Vorliebe für das „Sollen“ haben:
 
Wir sollen als Autofahrer an einem Stop-Schild halten.
Wir sollen eine Ausbildung oder ein Studium abschließen, um später Geld zu verdienen.
Wir sollen auf eine gesunde Work-Life Balance achten.
Und vieles mehr.
 
Auf den ersten Blick ist es verständlich: Es gibt uns Sicherheit, zu wissen, wie Dinge sein sollten, und zu wissen, dass sich alle Menschen daran sollten. Es gibt ein klares „Richtig“ und „Falsch“, eine eindeutige Richtung. Es verschafft uns mentale Ordnung zu wissen, wie etwas sein „sollte“.
 
Doch diese Denkweise wird schneller problematisch, als wir es uns vorstellen können.
 
Denn wir beziehen das „Sollen“ allzu oft nicht nur auf Systeme oder Regeln, sondern auch auf uns. Wenn wir einmal tief in uns hören, werden wir schnell heraushören, wie wir sein sollen und wie nicht. Je nachdem, in was für einem Umfeld wir groß geworden sind, hören wir mehrere dieser Botschaften oder weniger; die einen sind leichter anzunehmen, die anderen haben möglicherweise einen fiesen Beigeschmack.
 
Ein junger Mann, der aus einem Status-reichen Haushalt groß geworden ist, hat möglicherweise folgende Glaubenssätze im Kopf:
 

  • „Ich sollte viel Geld verdienen.“ 
  • „Ich sollte gut gekleidet sein.“ 
  • „Ich sollte eine Partnerin finden, der in meine Kreise passt.“

 
Der junge Mann hingegen, der aus der Familie eines hart arbeitenden Selbständigen kommt, der mit Mühe und Not sein Restaurant über Wasser hält, denkt möglicherweise:
 

  • „Ich sollte hart arbeiten, anders komme ich nicht über die Runden.“ 
  • „Ich sollte das Restaurant meines Vaters übernehmen.“ 
  • „Ich sollte keine Familie haben, solange ich sie nicht ernähren kann.“

 
Das sind natürlich nur Beispiele. Sie entsprechen allerdings einem üblichen Muster, denn jeder von uns trägt solche Glaubenssätze mit sich rum. Meist werden uns diese von der Gesellschaft und insbesondere unserem familiären Umfeld mitgegeben. Auch das schulische oder freundschaftliche Umfeld kann, insbesondere in jungen Jahren, einen entscheidenden Einfluss haben.
 
Da wir meistens in jungem Alter damit konfrontiert werden, klingen diese Glaubenssätze für uns wie gesetzte Wahrheiten oder sogar regeln. Es ist einfach so. Warum und wieso – das wissen wir selbst nicht genau.
 
Dadurch, dass wir in dem Alter meist nicht in der Lage sind, solche externen Einflüsse differenziert zu betrachten, neigen wir dazu, sie tief in unser Unterbewusstsein zu übertragen. Wir tragen sie nur allzu gern unser Leben lang mit uns rum, denn wir glauben: Was wir sollen, ist gut und richtig.
 
Und genau darin besteht die Falle. Denn im Endeffekt sind unsere Glaubenssätze nur Botschaften von unserem Umfeld, also, von anderen Menschen. Und nicht etwa eine „Wahrheit“. Es ist einfach die Sichtweise anderer Menschen von „Richtig“ und „Falsch“, von „Gut“ und „Schlecht“.

Das muss nicht unserer Vorstellung von „Richtig“ und „Falsch“ oder von „Gut“ und „Schlecht“ entsprechen.

Was bedeutet das in der Praxis?

Wir orientieren uns im Leben an etwas, was gar nicht unserer eigenen Vorstellung entspricht. Mit dem Wort sollen ersticken wir nicht nur, was wir wollen, sondern unsere eigene Sichtweise und unsere eignen Wertvorstellungen.

Wer sich nach Sollen orientiert, ist tendenziell auf dem besten Weg, sich selbst ins Unglück zu reiten. Denn „Sollen“ heißt, für andere zu leben – anstatt für sich selbst.
 
Das sorgt für unfassbar viele Probleme. Wir verleugnen und verdrängen Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse von uns, die nicht ins Schema passen. Wir akzeptieren weder uns noch die Realität so, wie sie ist. Wir leben im Widerstand zu uns selbst und unserer Umwelt. Wir setzen uns unter Druck. Wir urteilen, über uns selbst, und über andere. Wir schränken uns ein. Wir lehnen uns ab.
 
Wir berauben uns unserer eigenen Freiheit und Selbstwirksamkeit.

Und was bedeutet das im Kern? Dass wir unsere eigene Macht nicht anerkennen und nicht nutzen. Es ist kein Wunder, dass die Sollen-Denkweise oft zu einem schlechten Selbstwertgefühl und einem schlechten Selbstbewusstsein führt. Denn schließlich nutzt und macht man gar nicht das, was man eigentlich könnte.
 
Die Lösung
 
Falls das schwierig und erschlagend klingen sollte: Keine Sorge. Der Weg aus diesem Zustand heraus ist deutlich einfacher, als die Erklärung, wie wir überhaupt in den Zustand hineinkommen. Hierfür ein ganz einfacher Trick.
 
Sobald dir ein „ich sollte“ oder ein „ich sollte nicht“ in den Sinn kommt, überlege sofort:
 

  • Wieso sollte ich / sollte ich nicht? 
  • Wer sagt das? 
  • Will ich das / will ich das nicht? 
  • Was sind die Konsequenzen, wenn ich es tue / nicht tue?

 
Diese Fragen führen dich zu deiner eigenen Wahrheit: Zu dem, was dir wichtig ist und was dich glücklich macht. Du wirst schnell erkennen, wer eigentlich was möchte, und du wirst auch sehr schnell merken, wenn dir deine innere Stimme sagt: Ich will aber eigentlich was anderes.
 
Höre darauf! Deine innere Stimme spricht nicht ohne Grund zu dir. Sie offenbart die viel über deine Werte und deine Prioritäten.
 
Beispiele:
 
Wenn du wirklich die Diät durchhalten möchtest und sie dir wichtig ist, willst du die zweite Portion nicht essen (hat nichts mit „sollen“ zu tun). Wenn du es nicht willst, wird die Diät wohl nicht etwas sein, wo du wirklich dahinterstehst.
 
Wenn du wirklich deinem Partner mehr Aufmerksamkeit widmen möchtest, willst du ihm öfters zuhören (hat nichts mit „sollen“ zu tun). Wenn du es nicht willst, möchtest du möglicherweise gar nicht was für deine Partnerschaft tun.
 
Je mehr du darauf achtest, bei der kleinsten Kleinigkeit zu hinterfragen, wieso da eigentlich ein „sollen“ dahintersteckt, desto schneller geht es dir ins Blut über, wieder daran zu denken, was du selbst eigentlich möchtest.
 
Fang bei den kleinen Dingen an. Wie oft du putzen solltest, wann du zur Arbeit erscheinen solltest – und arbeite dich stückchenweise hoch, bis du möglicherweise zu Fragen kommst wie:
 

  • „Warum sollte ich eigentlich viel Geld verdienen?"
  • „Warum sollte ich überhaupt Kinder bekommen?“

 
Es wird dir über die Zeit in vielerlei Hinsicht die Augen öffnen.
 
Denn denk daran: Es gibt kein allgemeines „Richtig“ und kein „Falsch“. Nur du weißt, wie du am Ende dein Leben führen möchtest, und es ist dein gutes Recht, dem nachzugehen.